Karl Rauh gibt das Staffelholz nach 16 Jahren an Wolfgang Schoeppe weiter

Die Ära Karl Rauh ist zu Ende. Am Samstag nahm der langjährige Präsident des Bayerischen Leichtathletik Verbands beim 28. Verbandstag in Aschaffenburg seinen Hut. „Ich bin dankbar, dass es mir vergönnt war, der Leichtathletik in Bayern 16 Jahre zu dienen“, sagte Rauh. Die Delegierten würdigten sein Engagement mit stehenden Ovationen und ernannten ihn zum Ehrenpräsidenten.

Als neuer BLV-Präsident wurde erwartungsgemäß Wolfgang Schoeppe (Ansbach) gewählt.

Es war ein bewegender Moment, als Karl Rauh in der Aschaffenburger Stadthalle seinen letzten Rechenschaftsbericht beendet hatte. Er gehe als rundum glücklicher und zufriedener Mensch, gestand der scheidende Präsident nach einer ebenso kritischen, selbstkritischen wie schlussendlich positiven Bilanz seiner Amtszeit. Danach holte der 60-Jährige tief Luft und senkte den Blick, während sich die 92 Delegierten aus allen bayerischen Bezirken von ihren Plätzen erhoben und mit lang anhaltendem Applaus ihren Dank bekundeten. Doch bevor die Emotionen Überhand nehmen konnten, gebot Rauh – wieder ganz in seinem Element als Steuermann und Macher – dem sentimentalen Treiben Einhalt: „Danke, aber ich glaube, das reicht jetzt. Wir haben noch einiges vor heute.“ Schließlich hatte der seit 1994 amtierende Kopf der bayerischen Leichtathletik auch bei seinem Abschied die Fäden fest in der Hand, sei es, was die Regelung der eigenen Nachfolge anbelangt, wie auch den Ablauf des zusammen mit BLV-Geschäftsführer Toni Thalhammer straff organisierten Verbandestages. Die Zielgerade für den Präsidenten Karl Rauh stand deshalb auch symbolisch für eine Amtszeit mit ehrgeizigen Zielen, einer Unmenge von Hindernissen, manchen Rückschlägen, aber auch großen Erfolgen.

 

Dass die Veranstaltung, die 2010 in Unterfranken stattfand, mit einer stimmungsvollen filmischen Rückschau auf die Leichtathletik-WM 2009 begann, lag ganz im Sinne Rauhs. Dieser lobte anfangs seiner Rede die Tage von Berlin überschwänglich: „Wir können stolz sein, dieser Sportart anzugehören. Wir brauchen uns nicht zu verstecken!“ Im gleichen Maße erinnerte an ein anderes Großereignis, das unmittelbar in seinem Geltungsbereich stattfand und auf ähnliche Weise Bevölkerung wie Medien angesprochen habe: Die Europameisterschaften 2002 im Münchner Olympiastadion. Dennoch, so Rauh, sei der Nachhaltigkeitswert solcher Topveranstaltungen leider gleich Null gewesen. Die Leichtathletik stehe gegenüber Ballsportarten, die sich regelmäßig in Bundesligen präsentieren, klar im Schatten. Zudem habe sie den Nachteil, dass endlos Zeit bei Wettkämpfen vergeudet werde, was dazu führe, dass sich Wettkämpfe oft anonym und unattraktiv für Teilnehmer wie auch für Außenstehende präsentieren würden. „Diese Kritik müssen wir uns gefallen lassen. Hier hat sich auch in den zurückliegenden 16 Jahren meiner Amtszeit nichts geändert!“

 

„Teil des Systems und kein Außenstehender“

Er betrachte sich durchaus als „Teil des Systems und nicht als Außenstehender, der nun Kritik üben möchte, nur weil er sich heute vom Acker macht“. Die Leichtathletik, so Rauh, sei gezwungen, eine Gratwanderung zu vollziehen. Auf der einen Seite stehe die Kernsportart der Olympischen Spiele mit ihrer großen Tradition, auf der anderen der zeitgemäße Anspruch, attraktiv, modern, spannend, innovativ und kompakt in Erscheinung zu treten. Am Beispiel des Ski-Langlaufs oder des Skispringens zeigte der scheidende BLV-Präsident den Strukturwandel in anderen Sportarten auf. Während dort anstelle von ehedem langweiligen 50-Kilometer-Konkurrenzen nun attraktive Jagdrennen, Staffelwettbewerbe oder Duellspringen eingeführt wurden, tue sich die Leichtathletik mit Innovationen schwer. Weder die Idee, bei Ausdauerläufen pro Runde den jeweils letzten Läufer herauszunehmen, noch die reduzierte Anzahl von Versuchen bei Sprungkonkurrenzen oder die showartige Präsentation der Sprintfinals bei den jüngsten Deutschen Hallenmeisterschaften in Karlsruhe hätten sich richtig durchsetzen können. Rauhs Fazit: „Die Leichtathletik belässt es gerne bei Versuchen, schwimmt, besser gesagt läuft dann aber schnell wieder in das bekannte Fahrwasser zurück, da man sich dort heimisch, wohl und sicher fühlt.“ Die Gefahr sei deshalb groß, dass sich das öffentliche Interesse weiter von der Leichtathletik weg bewege, hin zu anderen Sportarten, Freizeitangeboten oder dem heimischen Computer, wo man mittlerweile Sport auch virtuell betreiben könne.

 

Dennoch wollte Karl Rauh gerade die WM in Berlin als positiven Impuls ins Bewusstsein der Delegierten rufen. Die dortigen Erfolge hätten einen Weg aufgezeigt, den es sich lohne, gemeinsam zu gehen. Darunter verstand Rauh, der sein Amt nicht zuletzt auch wegen seiner arbeitsintensiven Tätigkeit als Vizepräsident Leistungssport des Bayerischen Landessportverbandes (BLSV) zur Verfügung stellte, zunächst das konsequente und planmäßige Sichten herausragender Talente durch die Vereine. Ferner nannte er die behutsame Ausprägung vielseitiger Fähigkeiten durch die Kinder- und Schülerleichtathletik, die zielorientierte Trainerfortbildung sowie die Akzeptanz weiterführender Maßnahmen und das damit verbundene ein Loslassen des Athleten, um dessen Entwicklung nicht im Weg zu stehen. Den Deutschen Leichtathletik Verband (DLV) nahm Rauh beim Thema „Anschlussförderung von jungen Leichtathleten“ zum wiederholten Mal in die Pflicht, indem er eine konzertierte Aktion mit den Landesverbänden und den Vereinen anmahnte. „Daran muss die gesamte Leichtathletikfamilie, angefangen vom Vereinsmitglied bis hinaus zum DLV-Präsidenten mitarbeiten, einerseits durch planen und kreativ sein, andererseits durch das Zulassen von Möglichkeiten.“

 

Neues Präsidium vor Herausforderungen

Mit Stolz blickte der Kopf des BLV neben den Europameisterschaften 2002 noch auf fünf weitere internationale Großveranstaltungen in Bayern während seiner Amtszeit zurück. Hier habe sich einmal mehr das „große Engagement, die Zuverlässigkeit und die Leistungsfähigkeit der bayerischen Leichtathletik unter Beweis gestellt“. Außerdem seien in den vergangenen 16 Jahren immerhin 43 Deutsche Meisterschaften im Freistaat durchgeführt worden. Als weiteren Meilenstein nannte Rauh den Umbau der Werner-von-Linde-Halle in München zu einem modernen Leichtathletikzentrum sowie die Verlängerung der Nutzungsbindung bis über 2030 hinaus. Außerdem sei es gelungen, in Fürth einen eigenen Olympiastützpunkt für den fränkischen und den Oberpfälzer Raum einzurichten. Natürlich ließ es sich Karl Rauh nicht nehmen, dem neuen BLV-Präsidium („ohne besserwisserische Vorgaben geben zu wollen“) einige der drängenden Zukunftsprobleme aufzuzeigen. Der Sport müsse sich auf einen enormen demografischen Wandel einstellen. In zehn bis 20 Jahren gebe es mehr ältere Menschen und immer weniger Kinder. Die Leichtathletik sei zwar durch ihre Seniorenwettkampfprogramm sowie Walking und Nordic Walking bestens auf diese Entwicklung vorbereitet. Im Kinder- und Jugendbereich komme man jedoch um eine Nachrüstung nicht umhin, etwa durch die Mitwirkung in Ganztagsschulen. Auch gelte es, den Herausforderungen der enormen schulischen Belastungen – etwas durch das G 8 – oder den intensiven Anforderungen durch Studium und Beruf in Gestalt von sportbezogenen Schulen, Eliteschulen des Leistungssports oder Sportinternaten wirkungsvoll zu begegnen. In der gezielten Integration ethnischer Gruppe sah Rauh eine Chance für die Leichtathletik und empfahl hier einen „Blick über den Zaun, etwa in Richtung Fußball“. Nicht nur weil der Sport in den nächsten Jahren mit erheblich weniger Zuwendungen von Seiten der öffentlichen Hand rechnen müsse, gelte es, den Gürtel enger zu schnallen und sich politisch zu artikulieren. Bis heute hätten sich lediglich der Bayerische Leichtathletik Verband und die Bayerische Sportjugend für einen aktiven Nichtraucherschutz und das entsprechende Bürgerbegehren eingesetzt.

 

Er sei davon überzeugt, einen solventen, gut strukturierten, modern ausgerichteten und von anderen Landes- und Fachverbänden geachteten Leichtathletikverband zu hinterlassen, betonte Rauh. Der BLV stehe fest und solide auf zwei Beinen, auf dem des Leistungssports und des Gesundheitssports. Dessen Mitgliederzahlen seien zwar rückläufig, „er besitzt jedoch ein Potenzial und eine Bandbreite wie kaum eine andere Sportart.“ In seinen neuen Lebensabschnitt nehme er „einen großen Rucksack voller Erfahrungen, Erkenntnisse, Einblicke und Bekanntschaften“ mit, sowie die Erkenntnis, „dass wir vieles richtig, manches nicht ganz so richtig, aber in keinem Fall das Meiste falsch gemacht haben.“

 

Letzteres hatte wenige Stunden zuvor beim feierlichen Teil des Verbandstages im „bayerischen Nizza“ Aschaffenburg (unter anderem mit einem Festvortrag von Sebastian Poliwoda, dem stellvertretenden Leiter der Akademie der Bayerischen Presse in München) auch DLV-Präsident Clemens Prokop bestätigt. Für die herausragende Position Bayerns innerhalb der deutschen Leichtathletik spreche schon allein die Tatsache, dass hier der erste Verbandstag nach der WM stattfinde. Prokop überreichte ferner seinem früheren Mentor und Landestrainer Ludwig Schütz, der sich als Sportwart und Vizepräsident ebenfalls nicht mehr zur Wahl stellte, einen Trainingsanzug der Nationalmannschaft. Verabschiedet wurde auch die bisherige Jugendwartin Rosmarie Hühmer. Rauhs Nachfolger Wolfgang Schoeppe, bislang Vizepräsident Bezirke, rühmte die Zusammenarbeit mit dem bisherigen Präsidenten in den höchsten Tönen: „Wir saßen nicht nur immer in einem Boot, sondern haben vielmehr alle in die selbe Richtung gerudert.“ Diese Arbeit wolle er nun fortsetzen und kontinuierlich ausbauen.

 

Gerhard Neubauer neuer Vizepräsident Sport

Künftig wird der BLV-Präsident gleich von sieben Vizepräsidenten vertreten. Eine entsprechende Satzungsänderung verabschiedete der Verbandstag. Es sei nicht mehr zeitgemäß, wie zu Gründerzeiten die Termini „Warte“ oder „Schatzmeister“ zu verwenden, begründete Schoeppe den Vorstoß. Außerdem sollte der Präsident im Verhinderungsfall in der Außenwirkung gleichberechtigt durch jedes andere Präsidiumsmitglied vertreten werden können. Eine Schlüsselposition in der Führungsriege nimmt künftig Gerhard Neubauer (TSV München-Ost) ein. Der Berufssoldat wurde mit fünf Enthaltungen zum Vizepräsidenten Sport gewählt. Er verstehe sich als Teamplayer, sagte Neubauer bei seiner Vorstellung. „Ich möchte den Stand der Heimtrainer aufwerten und die Anerkennung der Trainer untereinander verbessern“, umriss der Schütz-Nachfolger seine Ziele.

Neuer Vizepräsident Bezirke ist Professor Dr. Gerhard Waschler (1. FC Passau), der seit 1995 an der Spitze des BLV-Bezirkes Niederbayern steht. Den Posten des Vizepräsidenten Breitensport nimmt wie bisher Willi Wahl (TSV Neuhaus) ein, den des Vizepräsidenten Finanzen Peter Pritz (Post SV München). Die Wettkampforganisation bleibt in den bewährten Händen von Klaus Hartz (ESV Nürnberg-Rangierbahnhof), der sich nun ebenfalls „Vizepräsident“ nennen darf. Vom kommissarischen Lehrwart zum Vizepräsidenten Lehre aufgestiegen ist Franz Terassa (TSV Ebermannstadt), gleichzeitig auch Bezirksvorsitzender Oberfranken. Zwei neue Gesichter vervollständigen das Präsidium. Mit Joachim Kesting (LAC Quelle Fürth) leistet sich der BLV erstmals einen Vizepräsidenten Wirtschaft. Kesting sei ein ausgewiesener Fachmann und die Schaffung eines entsprechenden Ressorts in Zeiten schwindender Staatsmittel zwingend erforderlich, mahnten sowohl Karl Rauh wie auch Wolfgang Schoeppe. Die bereits vom Verbandsjugendrat gewählte Vizepräsidentin Jugend, Sandra Zacher-Schweigert (TV Türkheim) musste das Gremium lediglich formell bestätigen.


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Beitrag von Reinhard Köchl