"Push" und "Hot Track" bei der internationale Trainerfortbildung
in Saarbrücken

 

Mit elf Trainern war der BLV ein gut repräsentierter Landesverband bei der internationalen Kurzsprint-Fortbildung in Saarbrücken. Referent war der international renommierte IAAF-Ausbilder im Sprint/Hürdenbereich Loren Seagrave. Er betreute früher Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen wie Andre Cason, Donovan Bailey und Pauline Davis. Organisiert wurde die Veranstaltung mit ca. 80 Teilnehmern vom Saarländischen Leichtathletik-Verband.

 

In seinen interessanten und gut verständlichen Ausführungen betonte Loren Seagrave immer wieder, dass eine Verbesserung der Endzeit im Sprint fast ausschließlich über die Verkürzung der Bodenkontaktzeit erfolgen kann: "Wenn man jeden Bodenkontakt um 5/1000 Sekunden "verkürzen" kann, läuft man beim 100m Sprint ca. ½ Sekunde schneller!". Um diese Kernaussage entwickelte er ein Übungsrepertoire, welches während der Fortbildung von einigen Athleten demonstriert wurde. Bei den Übungen, die zum großen Teil dem allgemein bekannten Lauf-ABC angehörten, achtet er aber sehr genau auf die für ihn korrekte Ausführung. "Die Übungen dürfen nicht zum Selbstzweck, sondern zur Vorbereitung und Schulung der maximalen Schnelligkeit erfolgen".
 

Dieses Ziel verfolgt Seagrave über folgende konkrete Maßgaben bzw. Korrekturen:

  • Vermeidung eines aktiven Kniehubs ("Ich sage nie aktiver Kniehub!")
  • Voraktivierung des M. Tibialis (Schienbeinmuskel) damit das Fußgelenk in gebeugter und vorgespannter Position aufsetzt,
  • um anschließenden möglichst schnell über das Anfersen und ohne betonter Streckung des Fußgelenks den Bodenkontakt aufzulösen;

Dabei tauchte immer wieder der Begriff der "Credit-Card-Rule" auf, welcher dem Athleten bildlich darstellen soll, dass die Ferse während des Bodenkontakts nicht "höher" vom Boden entfernt sein darf, wie eine Kreditkarte hoch ist.

Vor der Überleitung zum Startvorgang erläuterte Loren Seagrave "seine" Einteilung des Kurzsprints in fünf Phasen zu jeweils ca. 20 Metern:

Push - drive tall - grap back - step over - hot track

Diese Schlagwörter sollen den Athleten kurz und knapp die jeweilig notwendige Ausführung erklären. "An nichts anderes haben die Athleten in den zehn bis elf Sekunden zu denken, so Seagrave, der mit dieser Methode neben Donovan Bailey, Andre Cason schon viele Athleten zum Erfolg geführt hat.

 

Am nächsten Tag standen der Tiefstart, sowie der Hürdenlauf im Vordergrund. Nach Meinung des Referenten sollten beide Blöcke auf die untersten Position eingestellt werden, um die bestmögliche Kraftübertragung über die Körperlängsachse im 45 Grad Winkel herbeizuführen. Ferner sollte man darauf achten er darauf, dass in der "Fertig"-Position, die Schulterachse sich nicht vor der "Startlinie" bzw. des Handaufsatzes befindet (siehe Abb. 1). Dadurch soll der Druck auf den hinteren Fuß bewusst verstärkt werden, um über eine Vorinnervation der beteiligten Muskeln eine kürzere Reaktionszeit und einen explosiveren Abdruck zu erzielen.


Abb.1: Startposition (hier auf Erhöhung)

 


Abb.2: Armbewegung beim Tiefstart

Der Kopf befindet sich während des Startvorgangs in Verlängerung der Körperlangsachse. Die Hände unterstützen beim ersten Schritt den Startvorgang über ein aktives Anziehen des Gegenarms im rechten Winkel vor dem Kopf (Abb. 2). Loren Seagrave begründet das mit einem besseren "Timing" und einer idealer Impulsübertragung für den nun folgenden Beschleunigungsabschnitt. Der erste Beschleunigungsabschnitt ("Push"-Phase) erstreckt sich über die nächsten 20 Meter und geht in den zweiten Beschleunigungsabschnitt, die "Drive tall"-Phase, über. Der in dieser Phase oft nach unten geneigte Kopf ist laut Seagrave keine Notwendigkeit, sondern eine rein individuell geprägte Ausführung diverser Sprinter.
   
Für die Startphase und die entsprechenden technikorientierten Trainingsübungen (erhöhte Startblockposition, laufen gegen den Druck des Partners, etc.) betont Seagrave ebenfalls die Notwendigkeit eines kurzen Bodenkontakts über ein "festes Fußgelenk". Dies ist in dieser Form und Konsequenz in der Literatur nicht gefordert! Auch das "Anfersen" soll nicht pendelartig (durch langen Druck auf die Bahn) geschehen, sondern über ein möglichst kurzes, effektives Anziehen der Ferse zum Gesäß.
 
Der Nachmittag stand unter dem Zeichen der Rhythmusschulung. Anhand vieler differenzierter Ausführungen aus den elementaren Koordinationsübungen bereitete er das Hürdenlaufen vor. Hierbei waren der stetige Wechsel zwischen Schwungübungen am Kasten (Abb. 3), deren aktiv dynamische Umsetzung auf der Bahn und Rhythmuswechselläufen (Akzentskippings, etc.) grundlegender Bestandteil dieses "Probetrainings".

Abb.3: Imitation am Kasten
   

Abschließend streift Seagrave´s Vortrag die spezifische Hürdentechnik. Hauptaugenmerk seines Technikverständnisses liegt auf dem letzten Kontakt vor der Hürde sowie der daraus resultierenden Nachziehbeinbewegung. Nach einem kurzen Bodenkontakt rotiert das Bein nicht sofort nach außen, sondern erst nach einem schnellen Anfersen.
Auch beim Hürdenlauf verwies er auf die Begriffe des Vortages um die maximale Schnelligkeit über eine kurze Bodenkontaktzeit als das bestimmende Element des Sprints herauszustellen.
Dies war auch der Grundtenor der Veranstaltung: Die aktiv-dynamische Ausführung aller Elemente eines Trainings vom Einlaufen bis zum "Cooldown" sollen die maximale Geschwindigkeitsausprägung positiv beeinflussen. Dabei hat der Trainer die Aufgabe, alle Teile der Trainingseinheit nicht nur sorgfältig zu planen, sondern auch aufmerksam zu beobachten und gegebenenfalls schon Fehlerkorrekturen bei den elementaren vorbereitenden Übungen durchzuführen.

Die elf Bayern konnten in den eineinhalb Tagen neben vielen interessanten Eindrücken und neuen Erkenntnissen, vor allem auch viel Diskussionsstoff mit nach Hause nehmen.

Marko Badura/Martin Kallmeyer