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22.05.15 12:51 Alter: 2 Monat(e)
Kategorie: Top Stories, Leichtathletik, Leistungssport, Wettkampfsport, Laufsport
Von: Dieter Claus

Joseph Katib und Tina Fischl: "Man läuft gegen den Berg, nicht gegen die Zeit"

Mit einer faustdicken Überraschung aus bayerischer Sicht endeten die Deutschen Berglaufmeisterschaften am vergangenen Wochenende in Bühlertal. Joseph Katib (TSG 08 Roth) und Tina Fischl (LG Passau) holten sich die Meistertitel bei den Männern und Frauen. Grund genug für einen Gespräch mit den beiden frischgebackenen Titelträgern. Dabei geht es um die Besonderheiten des Berglaufes, aber auch um künftige ausländische Konkurrenten im Kampf um den DM-Titel.


Zwei Bayern, die in Bühlertal überrascht: (von links) Joseph Katib und Tina Fischl errangen ihre ersten deutschen Berglauf-Titel. Foto: Dieter Claus

blv-online: Zunächst einmal Gratulation zu diesem Titelgewinn. Berglauf galt bisher nicht unbeidngt Eure Spezialdisziplin, wie es bei manchen bekannten Bergläufern der Fall ist. Wo liegt für Eich der Unterschied zwischen dem Berg- und dem Straßenlauf?

Tina Fischl: Berglauf und Straßenlauf sind in meinen Augen kaum miteinander vergleichbar. Auf der Straße zählt jede Sekunde, und es ist verdammt hart, seine persönlichen Bestzeiten immer wieder zu toppen. Berglauf ist da eigentlich deutlich einfacher. Hier fühle ich mich wesentlich freier, ich brauche den Berg hinauf nicht ständig meine Kilometerzeiten auf jede Sekunde analysieren. Meist befindet  man sich im Berglauf auch weit ab von jeglicher Zivilisation und kann im Training zu 100 Prozent die Natur genießen. Grundsätzlich bin ich jedoch der Meinung, dass ein guter Bergläufer durchaus im flachen Terrain des öfteren Tempotrainings absolvieren sollte, um eine gewisse Grundschnelligkeit zu erlangen. Berglauftrainings beanspruchen das Herz-Kreislaufsystem sehr, was bei Einheiten im flachen Gebiet bei weitem nicht so der Fall ist.

Joseph Katib: Man läuft gegen den Berg, nicht gegen die Zeit, hat kaum eine Erholungsphase, muss besonders den eigenen Rhythmus beachten. Sicherlich ist die Laufgeschwindigkeit, bedingt durch Bergwege und den Höhenunterschied zwischen Start und Ziel deutlich geringer, einfacher macht es die Sache jedoch nicht.

blv-online: Muss auch ein Spitzenläufer abschnittsweise gehen, weil es einfach zu steil ist?

Fischl: Bei der Deutschen Meisterschaft in Bühlertal bin ich zum Glück nicht gegangen, das hätte mich bestimmt den Sieg gekostet. Hierfür war der Berg doch zu wenig steil. Allerdings bei den Salomon 4Trails, die ich vergangenes Jahr gelaufen bin, waren schon einige steile Passagen dabei, an denen ich nicht mehr laufen konnte. Dann ist halt mal schnelles Wandern angesagt!

Katib: Bei einem eher flacheren Mittelgebirgslauf wie der DM in Bühlertal mit einer Durchschnittssteigung von acht Prozent ist das nicht der Fall. Wenn es im Hochgebirge mit Passagen von über 20 Prozent richtig steil wird, kommt man jedoch fast zwangsläufig in eine Sauerstoffschuld, so dass auch Spitzenläufer die ein oder andere kurze Gehpause einlegen müssen.

blv-online: Kann man die Disziplin Berglauf auch Hobbyläufern empfehlen?

Fischl: Auf jeden Fall. Einfach immer wieder Gehpausen einlegen. Beim Berglauf lernt man die Natur auf eine andere, tolle Art und Weise kennen. Ich genieße bei jeder Einheit die Ruhe und auch die schönen Landschaften des Bayerischen Waldes.

Katib: Ja, man sollte jedoch in einem guten Trainingszustand sein und sich auch entsprechend vorbereiten. Es muss nicht gleich das Hochgebirge sein, da dort weitere Faktoren wie die sauerstoffärmere Höhenluft und zum Teil technisch anspruchsvolle Streckenabschnitte hinzukommen.

blv-online: Wie bereitet Ihr Euch auf einen Berglauf vor, obwohl Ihr nicht die Berge vor der Haustüre habt?

Fischl: Ehrlich gesagt bin ich dieses Jahr noch nicht wirklich in den Bergen gewesen. Viel zu lange lag auf den Gipfeln des Bayerischen Waldes der Schnee und außerdem wollte ich in dieser Saison unbedingt meine Zeiten über die 10 Kilometer auf der Straße und den Halbmarathon weiter verbessern. Damit ich meine Geschwindigkeit weiter verbessern konnte, habe ich sehr viele schnelle Einheiten absolviert, die sich auf alle Fälle ausbezahlt haben. Sowohl meine 10-Kilometer-Zeit (34:20 Minuten) und meine Halbmarathonzeit (1:16:41 Stunden) konnte ich gegenüber der Zeiten aus 2014 deutlich herunterschrauben. Lediglich die letzten 14 Tage vor der Berglauf-DM habe ich einige Hügel- und Treppenläufe in mein Training integriert. Zugute kommt mir allerdings, dass ich mein tägliches Training hier in meiner Heimat, dem schönen Bayerischen Wald, auf sehr abwechslungsreichen und hügeligem Gelände durchführe.

Katib: Auf die Berglauf DM habe ich mich wegen der anstehenden Bahn- und Straßenlaufwettkämpfe nicht wirklich speziell vorbereitet. Ich laufe jedoch generell eher im hügeligen, profilierten Gelände. Des Weiteren hat sicherlich auch die ein oder andere Einheit auf der Bahn geholfen, entsprechende Laktatverträglichkeit aufzubauen. Der Kurs bei den Europameisterschaften Anfang Juli - im Moment stehen die Chancen für eine Nominierung recht gut - ist jedoch deutlich schwerer. Daher beginnt ab Mitte Juni die Vorbereitung mit einigen speziellen Einheiten an steileren Anstiegen. Eventuell wird dann auch ein Kurztrainingslager in den Alpen stattfinden.

blv-online: Der Gesamtsieg am Hundsecklauf ging ja an Yossief Tekle aus Eritrea. Er startete für die LG Reischenau/Zusamtal, einem bayerischen Verein. In den kommenden Jahren werden vermutlich weitere afrikanische Läufer/innen in die Spitze der deutschen Läuferszene gelangen. Wie steht Ihr zu dieser Entwicklung?

Fischl: Das ist ein schwieriges Thema, hierüber habe ich mir noch nicht wirklich Gedanken gemacht.

Katib: Ich stehe dieser Entwicklung sehr kritisch gegenüber, da der aktuelle Zustand sicherlich erst die Spitze vom Eisberg ist. Ein Deutscher Meister, insbesondere einer olympischen Kernsportart, sollte grundsätzlich auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Ausländische Starter könnten jedoch außerhalb der DM-Wertung als internationale Deutsche Meister geführt werden.

blv-online: Was sind Eure weiteren Ziele in dieser Saison? Sind weitere Bergläufe in der Wettkampfplanung?

Fischl: Erfreulicherweise habe Ich mich ja mit meinem Sieg bei der Berglauf-DM für die Berglauf-EM in Madeira qualifiziert. Es ist mir somit eine große Ehre, hier im deutschen Trikot anzutreten zu dürfen. Dies heißt natürlich, dass ich bei diesem Event am 4. Juli mein Bestes geben will und auch werde. Vier Tage nach der Berglauf-EM werde ich erneut die Salomon 4Trails laufen, dieses Event über 160 Kilometer und knapp 10 000 Höhenmeter ist dann ein weiterer Höhepunkt in meiner Wettkampfplanung. Am 30. Mai werde ich zur Vorbereitung auf die 4Trails den Ultratrail Lamer Winkel über die 53-Kilometer-Distanz laufen und Mitte Juni auch noch den Zugspitz Basetrail XL über etwa 35 Kilometer. Alles Weitere ergibt sich von selbst.

Katib: Ich werde am 27. Mai in Koblenz über 5000 Meter versuchen in Richtung Bestzeit zu laufen, um damit die Norm (14:26,00 Minuten) für die Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Nürnberg zu unterbieten. Im Juni stehen ein, zwei Straßenläufe auf dem Programm, bevor dann am 4. Juli die Berglauf-EM auf Madeira stattfindet.

blv-online: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg in dieser Saison.