Original: Matt R. Spencer,
Paul B. Gastin, Department of Human Movement and Sport Sciences, University of
Ballarat, Australia and Victoria Institute of Sport, Melbourne, Australia.
Press: Medicine and Science in Sports a. Exercise, American College of Sports
Medicine. Aus dem Englischen übersetzt und extrahiert von J. Stäcker.
Die genaue Abstimmung des
Trainings auf die jeweilige Disziplin ist die vielleicht wichtigste Grundlage
bei der Vorbereitung eines Athleten. Die dabei richtige Einschätzung der
Disziplin oder der Anforderungen, die diese Strecke an den Athleten stellt,
geht deswegen sowohl der Planung als auch der Ausführung des Trainings voraus.
Da im Hochleistungssport die Energieversorgung meist einen kritischen Faktor
darstellt, spielt der jeweilige Anteil der aeroben und anaeroben
Energiegewinnung bei dieser Einschätzung eine bedeutende Rolle. Exemplarisch
für den derzeitigen Wissensstand befasst sich die im Folgenden geschilderte
Untersuchung einer australischen Universität speziell mit dem Anteil der
aeroben und anaeroben Energiegewinnung während eines 200-, 400-, 800- und
1500m-Laufs.
Testverfahren
Die Studie wurde mit männlichen
Hochleistungssportlern, die auf die genannten Laufstrecken spezialisiert waren
(durchschnittliche Bestzeiten: 21.29sec, 47,58sec, 1:50min, 3:46min) jeweils
während oder unmittelbar im Anschluss an die Wettkampfsaison durchgeführt. Um
annähernde Objektivität der Ergebnisse zu gewährleisten, mussten die Athleten
im Vorfeld der Untersuchungen auf Alkohol und Koffein verzichten sowie genau
angeben, welche Nahrung sie in den letzten 24h zu sich genommen hatten, um
identische Glykogenspeicherwerte zu erreichen. Zunächst wurde während
sechsminütiger submaximaler Belastungen auf dem Laufband bei variierenden
Geschwindigkeitsstufen jeweils die momentan aufgenommene Sauerstoffmenge
bestimmt. Im Anschluss wurden Geschwindigkeit und Neigung des Laufbands bis zum
Abbruch durch die Testperson gesteigert und aus den dabei getätigten Messungen
die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit ermittelt. In einem weiteren Test
mussten die Athleten nach einem typischen Aufwärmprogramm unter
Wettkampfbedingungen ihre Spezialdistanz auf dem Laufband absolvieren, wobei
jeweils die dabei eingegangene Sauerstoffschuld bestimmt wurde. Die Höhe des
Sauerstoffdefizits wurde aus der Differenz zwischen dem theoretischen
Sauerstoffbedarf für den Testlauf und der tatsächlichen Sauerstoffaufnahme
ermittelt.
Ergebnisse
Ø
Der prozentuale Anteil der durch aerobe
Stoffwechselschritte freigesetzten Energie nimmt mit steigender Streckenlänge
zu. So werden beim 200-, 400-, 800- und 1500-m-Lauf etwa 30, 45, 65 bzw. 85%
der Gesamtenergie durch aerobe metabolische Prozesse bereitgestellt. Bei allen
vier Distanzen erfolgt eine rasche Antwort des aeroben Energiesystems auf die
Belastung, wobei der Übergang zu vorwiegend aerober Energiefreisetzung zwischen
15 und 30s nach Belastungsbeginn erfolgt.

Ø
Beim 1500m-Lauf erreicht die aufgenommene
Sauerstoffmenge mit 94% fast den maximal möglichen Wert, zudem ist hier ein
früher Übergang zu vorwiegend aerober Energieversorgung charakteristisch.
Obwohl die während des 200m-Laufs aufgenommene Sauerstoffmenge mit etwa 70% der
Maximalkapazität im Vergleich zu den anderen Distanzen den geringsten Wert
einnimmt, ist bei dieser Strecke die aerobe Energiefreisetzung (ml/kg und min)
in den ersten 20s der Belastung ähnlich dem 1500m-Lauf – nämlich schon ca. 40
ml/kg*min nach besagten 20sec - und somit sogar höher als beim 400- und
800-m-Lauf, wo nach 20sec Belastung die aerobe Energiegewinnung erst ca. 35
ml/kg*min beträgt.

Ø
Die Gesamtintensität ist umgekehrt proportional zur
Dauer der Belastung. Der Gesamt-Sauerstoffverbrauch steigt mit der
Streckenlänge an. Der größte Teil des gesteigerten Sauerstoffbedarfs wird dabei
durch aerobe Energiegewinnung bereitgestellt. Der Wert der eingegangenen
Sauerstoffschuld wächst ebenfalls mit der Belastungsdauer, wobei hier der
Vergleich zwischen der 800- und 1500-m-Distanz eine Ausnahme bildet: Der
Unterschied in der Belastungsdauer zwischen diesen beiden Distanzen hat keinen
Einfluss mehr auf die insgesamt durch anaerobe Stoffwechselprozesse
freigesetzte Energiemenge – bei beiden Distanzen muss die Fähigkeit der
Säuretoleranz ähnlich gut ausgeprägt sein, während bei den kürzeren Strecken
die Fähigkeit der Laktatbildung das entscheidendere Kriterium bildet. Dies
liefert auch die Begründung für die Tatsache, dass im Hochleistungsbereich der
800m-1500m Typ häufiger als der 800-400m Typ verbreitet ist. Zusätzlich ist bei
der 1500m Strecke ein noch höheres Maß an Ausdauer erforderlich, um das hohe Laktatlevel
länger tolerieren zu können. Die 1500m Distanz ist damit die komplexeste aller
olympischen Laufstrecken.
Konsequenzen
Dieses Ergebnis weist darauf
hin, dass die maximal mögliche Energiefreisetzung durch anaerobe
Stoffwechselschritte bei einer Belastung mit Wettkampfintensität erst ab einer
Dauer von etwa 120s erfolgt. Nur beim 800- und 1500-m-Lauf wird die anaerobe
Kapazität also gänzlich ausgeschöpft. Der Anteil der aeroben Energiegewinnung
an der insgesamt freigesetzten Energie hängt mit entscheidend vom
Ausdauer-Trainingszustand des jeweiligen Athleten ab. Obgleich der relative
Anteil der aeroben Energiefreisetzung mit zunehmender Streckenlänge deutlich
wächst (vor allem 800- und 1500-m-Lauf) und bei den 200m-, 400m Strecken noch
das anaerobe Energiesystem dominiert, ist auch auf den kürzeren Distanzen
(200-, 400-m-Lauf) offenbar die Bedeutung der aeroben Energiefreisetzung größer
als bisher angenommen, da, wie bereits erwähnt, vor allem in der Anfangsphase
der Belastung bei allen vier Distanzen das aerobe Energiesystem auch schon
einen nicht geringen Beitrag zur Deckung des Energiebedarfs liefert und des
Weiteren der Übergang zu vorwiegend aerober Energiebereitstellung bei allen
vier Strecken bereits zwischen 15 und 30s nach Belastungsbeginn erfolgt. Die
daraus abzuleitende hohe Bedeutung einer soliden Grundlagenausdauer auch im
Kurzstreckenbereich sollte vor allem bei der Trainingsplanung für 200- und
400-m-Läufer verstärkt berücksichtigt werden.