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22.02.20 00:11 Alter: 43 Tag(e)
Kategorie: Top Stories, Leichtathletik, Leistungssport, Wettkampfsport, Laufsport, Oberbayern
Von: Christian Gadenne

In Leipzig letztes Rennen: Mittelstrecklerin Maren Kalis zieht sich aus Wettkampfsport zurück

Im Alter von neun Jahren hat Mareen Kalis ihren ersten 800-Meter-Lauf absolviert. Als 14-jährige ging sie für den LC Paderborn erstmals bei einer deutschen Meisterschaft an den Start. In den Folgejahren gewann Kalis sieben deutsche Einzeltitel im Jugend- und Juniorenbereich sowie drei weitere mit der 3 x 800-Meter-Frauenstaffel der LG Stadtwerke München, für die sie seit 2015 Jahr um Jahr Erfolge einfuhr. Jetzt hat Maren Kalis (LG Stadtwerke München) ihren Rücktritt vom Wettkampfsport erklärt.


Mareen Kalis hängt die Spikes an den Nagel. Bei der Hallen-DM in Leipzig bestreitet sie ihren letzten Wettkampf. Foto: Theo Kiefner

Kalis bestritt vier internationale Nachwuchsmeisterschaften für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und qualifizierte sich dabei jeweils für das Finale. Ihr größter internationaler Erfolg bleibt der Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Jugendspielen im chinesischen Nanjing im Jahr 2014. Für ihre Entwicklung und Erfolge während der Münchner Zeit zeichnen die Trainer Andreas Knauer, Daniel Stoll und Jonas Zimmermann mit verantwortlich. Ersterer beschrieb Kalis in diesen Tagen als eine „beherzte Läuferin und eine sehr intelligente, geradlinige und alternative junge Frau“.

Im Alter von gerade mal 22 Jahren tritt Kalis nun ab. Sie zieht sich vom Leistungssport zurück und räumt ihrem bereits fortgeschrittenen Studium der Humanmedizin künftig mehr Raum ein. Ihren letzten Wettkampf möchte Kalis am bevorstehenden Wochenende bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig bestreiten. Im Jahr 2017 gewann sie dort in ihrer ersten Hallensaison als Nicht-Jugendliche die Silbermedaille, weshalb sie gute Erinnerungen mit der Arena Leipzig verbindet. Aller Voraussicht nach wird Kalis diesmal mit Rebekka Ackers (TSV Bayer 04 Leverkusen) und Majtie Kolberg (LG Kreis Ahrweiler) um die Bronzemedaille kämpfen, nachdem ihre ebenfalls am 800-Meter-Wettbewerb teilnehmenden Trainingspartnerinnen Christina Hering und Katharina Trost weiterhin in einer eigenen Liga zu laufen scheinen.

Der Terminkalender von Mareen Kalis ist auch in diesen Tagen voll gespickt. Am Mittwochabend stand die letzte harte Einheit vor dem Wochenende auf dem Plan. Am Donnerstagabend wurde sie – gemeinsam mit Hering und Trost – im Alten Rathaus für ihre im Jahr 2019 gewonnen deutschen Meistertitel geehrt. Und am Freitag ging es dann mit dem Zug nach Leipzig. Dennoch hat sie sich Zeit genommen, um über ihre Karriere und das frühzeitige Ende zu sprechen.

Mareen, deine Entscheidung zu einem Karriereende mit 22 Jahren kommt für die meisten überraschend. Wann ist dein Entschluss gereift, die Spikes an den Nagel zu hängen?

Kalis: Ich habe mir während meiner Karriere immer wieder Punkte gesetzt, an denen ich überlegt habe, ob ich den Leistungssport weiterverfolgen möchte und mich letztendlich jedes Mal aktiv dafür entschieden. Nach dem Abitur wollte ich den Leistungssport zunächst in München bis zum Physikum weiterverfolgen. Nach dem Physikum habe ich mir in jeder Saisonpause neue Ziele für das kommende Jahr gesetzt. Nach der letzten Saison war das anders. Ich habe zwar im Oktober wieder angefangen zu trainieren, allerdings ohne Ziel für die kommende Saison.

Warum konntest du dir diesmal nicht einfach ein neues Ziel setzen?

Kalis: Die vergangenen Jahre habe ich meine persönlich gesteckten Ziele nicht erreicht. Das wollte ich dieses Jahr nicht wiederholen. Das Grundlagentraining hier in München macht mir viel Spaß, aber im Trainingslager in Monte Gordo habe ich gemerkt, dass ich ein Ziel bräuchte, um das Training konzentriert und motiviert durchzuziehen. Gleichzeitig habe ich realisiert, dass ich mir kein realistisches Ziel für den Sommer setzen kann, das mich anspornt und fordert. Deswegen habe ich Anfang Januar dann den Entschluss gefasst, mit einer kurzen Hallensaison meine Karriere zu beenden.

Aber du würdest auch im Jahr 2020 wieder zu den Medaillenanwärterinnen bei deutschen Meisterschaften zählen.

Kalis: Für mich macht Leistungssport keinen Sinn, wenn ich nicht alles dafür gebe, schneller zu werden und mich weiterzuentwickeln. Ich bin die vergangenen Jahre relativ konstant auf einem hohen Niveau gelaufen, aber eben doch ein Stück von der internationalen Spitze und der nationalen Sportförderung entfernt. Ich denke, dass ich durch eine weitere Sommersaison nicht mehr profitieren werde, weil ich realistischerweise nicht mit einem Leistungssprung in Richtung EM-Norm (Anm. d. Red: 2:01,50 Minuten) rechne. Ich habe viele andere Interessen und mein schon fortgeschrittenes Medizinstudium die vergangenen Jahre immer untergeordnet. Dort sehe ich viel Entwicklungspotenzial und möchte gerne mehr Zeit investieren.

Christina ist bereits für die Olympischen Spiele in diesem Jahr qualifiziert. Katharina wird alles unternehmen, um ebenfalls nach Tokio zu fahren. Hat es Auswirkungen auf deine Entscheidung gehabt, dass du dich im Training tagtäglich mit der aktuellen deutschen Mittelstreckenspitze messen musstest?

Kalis: Im Gegenteil. Es hat mich eher angespornt, da ich jeden Tag erleben konnte, wie man trainiert, wenn man unter zwei Minuten laufen kann. Nachdem ich nun über vier Jahre weitestgehend unverletzt mittrainieren konnte, kann ich für mich gut akzeptieren, dass ich vielleicht nicht die Voraussetzungen mitbringe, auch diese Leistungsklasse zu erreichen.

Ihr habt auch viele Erfolge gemeinsam gefeiert. Unter anderem habt ihr die 3 x 800-Meter-Staffeln in den vergangenen Jahren dominiert und 2016 sogar eine neue DLV-Bestleistung bei den Juniorinnen aufgestellt. Bei der jüngsten Deutschen Meisterschaft im Berliner Olympiastadion habt ihr das gesamte Podest eingenommen. Was hat euch so stark gemacht?

Kalis: Sehr großen Anteil an diesen Erfolgen haben auf jeden Fall unsere Trainer. Wir trainieren sehr vielseitig, abwechslungsreich und auch die Variabilität der Trainingsintensität ist zwischen den Einheiten hoch. Ich bin keine Trainingsexpertin, aber ich glaube, dass dies ein großer Faktor dafür ist, dass wir selten Verletzungsprobleme haben und außerdem überwiegend gerne ins Training gehen. Außerdem haben wir in der Gruppe eine sehr gute Balance zwischen Fokus und Konzentration einerseits sowie Gelassenheit und Freude im Training andererseits.

Wie hat die Gruppe, zu der ja seit einiger Zeit auch Jana Reinert gehört, deine Entscheidung aufgenommen?

Kalis: Meine Entscheidung ist für alle sehr gut nachvollziehbar, aber ich werde wohl auch etwas vermisst werden. Unter Umständen könnte Kathis Wettkampfleistung unter der fehlenden Frisurenverantwortlichen leiden. (lacht)

Was bleibt dir aus all den Jahren im Leistungssport erhalten?

Kalis: Ich bin ja quasi komplett im Leistungssportumfeld aufgewachsen, das hat mich sehr geprägt. Ich hoffe, dass ich einen starken Willen, Flexibilität, Ehrgeiz und Disziplin in einem gesunden Maße mitnehme und auch in andere Bereiche einbringe. Meine Sportlerinnenmentalität hat mir sehr geholfen, gelassen und erfolgreich meinen Weg – auch abseits des Sports – zu gehen. Außerdem hoffe ich, dass ich noch länger von meiner körperlichen Fitness profitiere und vor allem keine Verschleißerscheinungen mitnehme.

Und welche Momente in deiner Karriere waren es wert, Woche für Woche sieben bis neun Einheiten zu trainieren und in den Trainingslagern sogar bis zu drei Mal täglich?

Kalis: Ich fand es immer am schönsten, wenn man es geschafft hat, sich im Wettkampf selbst zu überraschen. Da ich mir meistens sehr hohe Ziele gesteckt habe, war ich oft – auch nach dem Gewinn von Medaillen – zuerst enttäuscht. Meinen schönsten Überraschungserfolg hatte ich bei der DM in Nürnberg, wo ich mit neuer Bestzeit die Bronzemedaille gewinnen konnte, obwohl ich im Frühjahr mein Staatsexamen geschrieben hatte, nicht im Trainingslager war und die Wettkämpfe vorher deutlich langsamer gelaufen bin.

Ab Montag stehst du nun ohne Trainingsplan da. Was hast du in den nächsten Wochen vor?

Kalis: Nach Leipzig fahre ich mit meiner Mutter ein paar Tage die Berge. Bevor ich dann ab Mitte März einen Monat Famulatur in der Frauenklinik in Paderborn mache, plane ich noch einen kleinen Roadtrip vermutlich nach Frankreich zum Windsurfen.

Danke für das offene Interview, Mareen! Zunächst einmal viel Erfolg für deinen letzten Wettkampf in Leipzig.